„Wir agieren wie gestandene deutsche Versicherer, nur etwas flexibler und schneller“

Interview mit José David Jiménez García, CEO von W. R. Berkley Europe AG, Niederlassung für Deutschland

Berkley Deutschland konzentriert sich als Spezialversicherer auf mittelständische Unternehmen und arbeitet mit Maklern zusammen, die in dieser Zielgruppe tätig sind. Der Fokus liegt auf individuellen Deckungskonzepten und kurzen Entscheidungswegen.

Herr Jiménez, Ihr Haus hat sich auf den Mittelstand spezialisiert. In welchen Sparten sind Sie aktiv?

Wir sehen uns als Spezialversicherer in den Sparten Allgemeine Haftpflicht, Vermögensschadenhaftpflicht sowie D&O-, Vertrauensschaden- und Cyber-Versicherung. Des Weiteren bieten wir Lösungen im Bereich der Gruppen-Unfallversicherung an. Maßgeschneiderte Sachversicherungslösungen offerieren wir in Kombination mit den vorgenannten Sparten.

Welche Branchen sprechen Sie an?

Unsere Zielgruppe ist der deutsche Mittelstand. Im Laufe der Jahre haben wir Branchen-Schwerpunkte entwickelt; dazu gehören insbesondere die Wohnungs- und Agrarwirtschaft, Veranstalter aller Art, das Baunebengewerbe sowie beratende Ingenieure. Wir sind ständig im Dialog mit unseren Maklern, um individuelle Zielgruppenkonzepte zu innovieren und weiter zu entwickeln. Wir sehen im Markt viele sogenannte Branchenkonzepte, die dann doch nur das Ziel verfolgen, möglichst breit alles zu bedienen. Dieser Ansatz mag aus Kostengesichtspunkten nachvollziehbar sein; er geht aber oftmals mit der Gefahr der Deckungslücken für den einzelnen Kunden einher. Oder: Die Bedingungswerke sind überfrachtet mit Bausteinen, die überhaupt keine Relevanz haben, aber am Ende vom Kunden mit bezahlt werden müssen.

Ist es gerade der Mittelstand, der bei vielen Themen, wie etwa Cyber-Angriffen oder Wirtschaftskriminalität, noch zu wenig besorgt ist?

Ja, das ist Fakt. Noch immer neigen mittelständische, insbesondere inhabergeführte Unternehmen dazu, das Schadenrisiko durch klassische Bereicherungsstraftaten, wie Betrug, Untreue und Unterschlagung, aber auch Internetkriminalität zu unterschätzen. Dabei agiert der Mittelstand, bedingt durch die anhaltende Globalisierung und fortschreitende Digitalisierung, längst in einem ähnlich komplexen Umfeld. Sicherlich hat das auch mit der Berichterstattung, die sich vor allem auf die spektakulären Schäden der Großkonzerne fokussiert, zu tun.

Andererseits beruht dies auf der falschen Vorstellung, dass man „kein lohnendes Ziel“ sei oder mit den getroffenen Einzelmaßnahmen bereits genug getan hätte. Oft fehlt der holistische Ansatz, also eine Risiko-/Schwachstellenanalyse, um die Risiken durch geeignete Maßnahmen zu minimieren und zu transferieren – hier können Versicherer eine wichtige Rolle spielen. Aktuell sehen wir zwar eine verstärkte Nachfrage für Cyberversicherungen, allerdings mit einem erheblichen Zeitversatz bis zum tatsächlichen Abschluss.

Die Vertrauensschadensversicherung, als Antwort auf das Risiko durch Wirtschaftsstraftaten, hingegen fristet seit Jahren ein Schattendasein – schwer verständlich. Vielleicht hängt es mit der guten Wirtschaftslage der letzten Jahre zusammen oder aber mit der Schwierigkeit bei der Beratung und Vermarktung dieses Produktes. Die zunehmenden Fake-President-Fälle haben in erster Line die größeren Firmen sensibilisiert. Es bleibt jedoch dabei: Welcher mittelständische Unternehmer denkt schon gerne darüber nach, Opfer Krimineller zu werden – seien es eigene Mitarbeiter oder Dritte im kollusiven Zusammenwirken mit Angestellten.

Makler sind gut beraten, wenn sie beide Themenbereiche beim Kunden aktiv ansprechen. Wir bieten hierfür Versicherungslösungen an – als Alleinstellungsmerkmal und aufgrund der Überschneidungen auch in Kombination.

Wo gibt es weitere Probleme?

Aktuell sehen wir eine spürbare Verknappung der Kapazitäten im Bereich der D&O-Versicherung: Zum Teil beobachten wir pauschale Reduzierungen der Deckungssummen. In letzter Zeit ist auch festzustellen, dass es Vertretern einiger Wirtschaftszweige, wie beispielsweise Tourismus, Gastronomie/ Hotel, Einzelhandel und Events/Sport, schwerer fällt, D&O-Versicherungsschutz einzukaufen. Wir werden uns unsere Kundenverbindungen – auch in diesen Branchen – individuell anschauen und gemeinsam mit unseren Maklern bewerten, um weiterhin individuelle Lösungen anbieten zu können.

Sie arbeiten vor allem mit Versicherungsmaklern zusammen. Wie funktioniert die Partnerschaft mit eben diesen und welche Art Makler zählen zu Ihren Partnern?

Wie bereits einleitend erwähnt, sehen wir uns als Versicherer für den deutschen Mittelstand und somit sind auch die Makler, mit denen wir arbeiten, in dieser Zielgruppe verwurzelt – regional oder deutschlandweit tätige Makler aller Couleur und Größe. Sehr viele von ihnen sind auch in der VEMA und/oder dem BDVM organisiert. Aktuell arbeiten wir mit rund 250 Maklern aktiv zusammen. Natürlich kooperieren wir ebenfalls mit den großen internationalen Maklerhäusern; diese haben jedoch einen stärkeren internationalen Kundenfokus und somit ist die Schnittmenge geringer.

Inwiefern sehen Sie sich als Alternative zu den großen deutschen Playern?

Wir sehen uns als alternativer Spezialversicherer für den Mittelstand, der gezielt auf die Bedürfnisse unserer Kunden eingeht, maßgeschneiderte Konzepte entwickelt und einen exzellenten Service bietet.

Wie können Sie sich konkret abheben?

Neben der Tatsache, dass wir echte Spezialkonzepte offerieren, zeichnen wir uns durch sehr kurze Entscheidungswege aus. Alle Entscheidungen werden direkt in Deutschland getroffen und somit sind wir in der Lage, Versicherungslösungen kurzfristig zu entwickeln. Unsere Underwriter und Schadenregulierer haben die Kompetenzen und Vollmachten, schnell und verbindlich zu agieren und auch zu entscheiden. Unsere Makler haben direkten Kontakt zum Entscheider. Call- und Servicecenter spielen in unserem Geschäftsmodell keine Rolle.

Haben Sie ein paar konkrete Beispiele in einzelnen Sparten?

Nehmen wir den Bereich D&O für größere Sportvereine. Ein Segment, das seit Jahren von fast allen Versicherern als sehr schweres bis unerwünschtes Risiko betrachtet wird. Wir haben diese Vereine immer schon individuell betrachtet, bewertet und versichert. Auch in der aktuell sehr schwierigen Lage werden wir Lösungen suchen, um den Versicherungsschutz – wenn möglich – fortzuführen. Schleppende Reportings an finale Entscheidungsträger im Unternehmen sind bei uns nicht notwendig, da die Kompetenzen und Vollmachten bei unseren Underwritern an den Standorten Köln und München liegen.

Hinter Ihnen steht ein großer amerikanischer Versicherer. Was bedeutet das für Ihren Auftritt in Deutschland?

Wir sind ein Unternehmen der W. R. Berkley Corporation, einer führenden US-amerikanischen Versicherungsholding mit weltweitem Tätigkeitsfeld, die es uns ermöglicht, langfristig in Deutschland zu operieren. Man vertraut unserem lokalen Know-how. Als Landesgesellschaft der europaweit tätigen W. R. Berkley Europe AG sind wir mit maximaler Entscheidungsvollmacht ausgestattet – wir agieren im deutschen Markt wie ein gestandener deutscher Versicherer, nur etwas flexibler und schneller.

Welchen Geschäftsverlauf erwarten Sie denn für die nächsten Monate? Die Corona-Krise hat die Konjunktur deutlich gedrückt.

Ehrlich gesagt ist das alles noch schwer absehbar. Umsatzrückgänge bei unseren Kunden führen selbstverständlich kurz- und mittelfristig zu Prämienrückgängen, Insolvenzen, zu Totalausfällen und in einigen Sparten erwarten wir auch einen erhöhten Schadenaufwand. Andererseits steigt das Risikobewusstsein und die Qualität der Risiken könnte nachhaltig verbessert werden. Als aufstrebender Versicherer mit geringerem Ballast sehen wir diese Krise in erster Linie als Chance. Mit unserem Ansatz, Risiken individuell zu bewerten und zusammen mit Maklern und Kunden neue Lösungen zu kreieren, sehen wir viel Potenzial für die Zukunft.

Für Berkley heißt das also unbeeindruckt davon ein dauerhaftes Engagement in Deutschland?

Absolut, wir sind seit zehn Jahren hier und werden es auch bleiben!

Interview veröffentlicht in dem Fachmagazin AssCompact für Assekuranz, Kapitalanlagen, Finanzierung und Immobilien (Juli 2020, Seite 33: https://epaper.asscompact.de/asscompact-07-2020/63578718)